Auf Einladung von Raimund Haser trafen sich vergangenen Freitag der ehemalige Gesundheitsminister und heutige Fraktionsvorsitzende Klaus Holetschek sowie Leutkirchs Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle in der Urlauer Genussmanufaktur – und servierten ein zweigeteiltes Gesprächsformat, das sowohl Tiefe als auch Tempo bot. Zunächst tauschten sich die Gäste über die wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart aus, bevor sie sich den Fragen des zahlreich erschienen Publikums stellten.
„Die Automobilbranche steht massiv unter Druck. Und damit ganz Baden-Württemberg“, sagte Haser. Jahrzehntelang Wachstum, nun aber mehr als 50.000 gut bezahlte Stellen weniger allein in diesem Jahr. Im Allgäu sehe es glücklicherweise differenzierter aus als in Sindelfingen oder Stuttgart, betonte er – dank einer kleinteiligen Wirtschaftsstruktur und einer höheren Branchenvielfalt. Aber, so Haser, man dürfe sich nichts vormachen. „Die Lohnstückkosten sind zu hoch, die Energie der Zukunft ist noch nicht gebaut und der Wettbewerb schläft nicht. Wir werden uns alle gemeinsam anstrengen müssen, um über den Hügel zu kommen.“
Ein Schwerpunkt des Abends: die Zukunft der regionalen Krankenhausversorgung. Oberbürgermeister Henle, der als Kreisrat im zuständigen Gremium über die aktuellen Entwicklungen informiert und eingebunden ist, zeigte sich sichtlich ernüchtert darüber, dass Bayern und Baden-Württemberg bislang keine gemeinsame Lösung gefunden haben, insbesondere rund um die Kliniken in Lindenberg und Wangen. Holetschek stimmte zu und erinnerte daran, dass „Strukturreformen keine Grenzen kennen. Derartige Herausforderungen müssen wir in Regionen denken und lösen“. Eine echte Reform müsse weit über die Krankenhausplanung hinausgehen und auch niedergelassene Ärzte sowie die Pflege einbeziehen. Für die Zukunft erwartet Holetschek mehr Verbundmodelle und eine „Ambulantisierung der Leistungen“.
Emotional wurde es in der Publikumsrunde: Die geplanten Windkraftanlagen im Wald zwischen Ottmannshofen und Legau sorgen im grenznahen bayerischen Dilpersried für Unmut – dort fühlte man sich in die baden-württembergischen Planungen nicht einbezogen. Zu diesem frühen Zeitpunkt sei aber noch nicht einmal klar, was und wenn ja wie viel überhaupt gebaut wird.
Der lebhafte und kurzweilige Austausch der drei Politiker hinterließ den Eindruck, dass konstruktive Debatten auch in bewegten Zeiten möglich sind – und für alle Beteiligten ebenso erkenntnisreich wie genussvoll sein können. Die einleitende Musik der JMS-Schülerinnen Isabel Möller und Amina Hatic unter der Leitung von Anette Jakob rundeten einen unterhaltsamen Abend in der Bibliothek der Genussmanufaktur ab.